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Raimund Kemper
Zu den Romanen von Gert Ledig
Die Stalinorgel (1955) und Vergeltung (1956)
Aus dem Nachlass herausgegeben von
Marlis Schleeh und Wolfgang Strümper
2025, 162 S., broschiert, 29,90 €
ISBN (Print) 978-3-944970-73-8
Warum wir Gert Ledig heute lesen müssen – Eine zeitdiagnostische Studie über den Krieg in der Literatur
Was ist Krieg – und wie wurde er dargestellt? Diese Frage ist in Zeiten wachsender globaler Unsicherheit aktueller denn je. In seinem Buch widmet sich Raimund Kemper den Romanen Gert Ledigs – kompromisslosen, brutal realistischen Texten, die den Krieg in seiner ganzen Unmenschlichkeit zeigen. Die Stalinorgel und Vergeltung sind erschütternde Zeugnisse des Frontalltags, die in ihrer Klarheit und Direktheit auch Jahrzehnte nach ihrer Veröffentlichung nichts von ihrer Wirkung verloren haben.
Kempers Untersuchung geht weit über klassische Literaturkritik hinaus. Sie ist ein Weckruf – an eine Gesellschaft, die Krieg zunehmend wieder als politisches Mittel denkt. In einer Zeit, in der historische Narrative oft verzerrt, verkürzt oder nationalistisch überhöht werden, plädiert Kemper für eine literarisch informierte Erinnerungskultur: ungeschönt, unbequem – aber notwendig.
Dieses Buch zeigt: Literatur ist nicht nur ein Spiegel der Zeit, sondern auch moralische Instanz. Ledigs Werk, brillant analysiert von Kemper, ist aktueller denn je – gerade weil es keine Helden kennt.
Rezension:
»… sei vorweggenommen, dass sich die Mühen, die mit der Lektüre der Studie verbunden sind, entschieden lohnen. Das gilt ironischer Weise vor allem für die Anmerkungen, die vor Lesens- und Wissenswertem geradezu strotzen. Lesens- und Wissenswertem, das mal unmittelbar (bspw. Zusammenfassungen), mal näher, mal weiter und mal entfernt um die Themen ‚Gert Ledigs Romane‘ und ‚Kriegsliteratur‘ kreist.
Vergebliche Liebesmüh wäre es, an dieser Stelle auch nur ansatzweise referieren zu wollen, was alles an (trans-)nationaler Geschichte, Kulturgeschichte und auf diese bezogenen Thesen und Urteilen in den Anmerkungen des Gelehrten Raimund Kemper steckt. Von daher nur zwei Beispiele und eine Auflistung thematischer Schwerpunkte. Anmerkung 16 lässt sich über gut 4 Seiten über Albrecht Altdorfers Tafelbild Die Alexanderschlacht (1529) aus, wie überhaupt das Mittelalter und dessen Bildende Kunst, darüber hinaus die Antike argumentativ immer wieder herangezogen werden. Die knapp 7 Seiten füllenden, von einschlägiger Detailkenntnis zeugenden Anmerkungen 65-71 und 117 bis 138 hingegen gelten dem Kampf um Leningrad 1941 bis 1944.
Thematisch geht es u.a. um Erinnerungskulturen und -medien, deutsche Geschichte 1870 bis 1945, die beiden Weltkriege (u.a. U-Boot- und Luftkrieg), zahlreiche bekannte und kaum bekannte deutschsprachige Kriegsliteratur insbesondere über die und aus den beiden Weltkriegen, Krieg und Medien, Filmgeschichte, den NATO-Beitritt der BRD 1955, die Wehrmacht und Wehrmachtsverbrechen, den Historikerstreit der 1980er Jahre, Justizgeschichte inkl. Militärjustiz, Geschichtslegenden, die Pressekultur der BRD nach 1945, das Literatursystem (inkl. Wissenschaft, Kritik und Verlagswesen) der BRD insbesondere in den 1950er Jahren sowie Literaturkritik in der DDR.
Fazit: Den HerausgeberInnen Marlis Schleeh und Wolfgang Strümper und dem Süddeutschen Pädagogischen Verlag ist dafür zu danken, dass sie die kompositorisch ausgesprochen eigenwillige, darüber hinaus stellenweise nicht zu Ende ‚geschliffene‘ Studie Raimund Kempers zugänglich gemacht haben.«
Günter Helmes, Portal und Zeitschrift litersturkritik.de Juni 2026